Bach - Cage - Telemann - Kessler

"in Erinnerung an Gerd Lünenbürger"

Acht international renommierte Spezialisten der historischen musikalischen Aufführungspraxis aus Deutschland, Tschechien, Österreich, Frankreich, England, Neuseeland und Israel werden sich projektbezogen im Juni 2016 zusammenfinden, um gemeinsam ein experimentierfreudiges Konzertprojekt mit außergewöhnlichem Programm durchzuführen.

  • Anna Fusek, Flöte
  • Heide Neddens, Flöte
  • Christiane Gagelmann, Violine
  • Almut Schlicker, Violine
  • Wolfgang von Kessinger, Violine
  • Almuth Reinhold, Viola
  • James Bush, Violoncello
  • Christian Staude, Kontrabass
  • Felix Görg, Kontrabass
  • Bernhard Prammer, Orgel
  • Ahmad Mesgarha, Texte
Kultusstiftung sachsen

Im ersten Teil soll traditionell-konzertant ein Solokonzert von Johann Sebastian Bach erklingen. Dieser nutze beim Komponieren oftmals das sogenannte Parodieverfahren, indem er bereits geschaffene Werke in neuem Kontext teilweise wiederverwendete. So liegen dem Cembalo-Konzert E-Dur BWV 1053 Sätze aus den viel älteren Kantaten BWV 169 und BWV 49 zu Grunde. Der jedoch in Hinblick auf das Cembalo eher geringe Tonumfang lässt die Vermutung zu, dass es sich bei dem Konzert ursprünglich um Musik für ein Blasinstrument gehandelt haben könnte. Daher soll dieses wunderbare Werk mit Blockflöte und Streichern erklingen, gleichsam als Rekonstruktionsversuch einer möglichen Erstfassung.

Im zweiten Konzertteil soll Georg Philipp Telemanns heitere, fünfsätzige Suite a-moll als "Raumklang" zu Gehör gebracht werden, dass heißt, die ausführenden Musiker werden im Konzertraum verteilt aus unterschiedlichen Richtungen musizieren und sich hierbei bewegen. Durchbrochen werden sollen die Telemann-Sätze durch vier Teile des Streichquartetts "Four" von John Cage, der dieses Werk in mehrere Sektionen unterteilt, deren Noten austauschbar sind und stets neue Klangkombinationen bilden, die lediglich durch ein festes Zeitmaß reguliert sind.

Neben der Musik soll das geschriebene und gesprochene Wort als wichtige Kunstform mit Texten aus den Tagebüchern Harry Graf Kesslers als eine Art Freie Lesung eingebunden und mit der Musik verzahnt werden. Reflexionen zu Themen wie Kunst, Liebe und Psyche sind mit ausgewählten Passagen ergänzend angeordnet. So wird der erste Programmteil mit Texten umrahmt, während im zweiten Teil, ebenso wie bei der Musik, das Wort zwischen der Musik durchwoben gesprochen werden wird.

Acht international renommierte, junge Spezialisten der historischen musikalischen Aufführungspraxis aus Deutschland, Tschechien, Österreich, Frankreich, England, Neuseeland und Israel werden sich projektbezogen im Juni 2016 zusammenfinden, um gemeinsam ein experimentierfreudiges Konzertprojekt mit außergewöhnlichem Programm durchzuführen.

 


 

Im ersten Teil soll traditionell-konzertant ein Solokonzert von Johann Sebastian Bach erklingen. Dieser nutze beim Komponieren oftmals das sogenannte Parodieverfahren, indem er bereits geschaffene Werke in neuem Kontext teilweise wiederverwendete. So liegen dem ca. 1718/19 in Köthen entstandenen Cembalo-Konzert E-Dur BWV 1053 Sätze aus den viel älteren Kantaten BWV 169 und BWV 49 zu Grunde: Der erste Satz ist dem ersten der Kantate „Gott soll allein mein Herze haben" entnommen, der zweite Satz nimmt die Melodie der Arie „Stirb in mir, Welt" der gleichen Kantate auf, der dritte Satz wurde von Bach als Einleitungssinfonie der Kantate „Ich geh und suche mit Verlangen" entnommen.

Der jedoch in Hinblick auf das Cembalo eher geringe Tonumfang des Konzertes BWV 1053 lässt die Vermutung zu, dass es sich bei dem Konzert ursprünglich um Musik für ein Blasinstrument gehandelt haben könnte. In Frage stehen die barocke Oboe, oder aber auch die Blockflöte, die Bach in dieser Zeit oft und gern in seinen Konterten und Kantaten einsetzt.

Daher soll dieses wunderbare Werk in einer Fassung mit Blockflöte und Streichern erklingen, gleichsam als Rekonstruktionsversuch einer möglichen Erstfassung. Diese sehr authentische Form der Aufführung hatte bereits vor einigen Jahrzehnten der niederländische Pionier historischer Aufführungspraxis, der Dirigent und Flötist Frans Brüggen (1934-2014), gewählt.

Die Künstler dieses Programms verbindet neben der Liebe zur Musik auch die damalige Freundschaft zu dem Berliner Ausnahmeflötisten Prof. Gerd Lünenbürger (1958-2010), der vor 5 Jahren an ALS starb und auf den die Idee zur erneuten Darstellung des Konzertes BWV 1053 mit Blockflöte als Soloinstrument zurückgeht. Auch als Erinnerung an ihn und sein künstlerisches Vermächtnis ist daher diese Aufführungdes rekonstruierten Bach-Konzerts gedacht. Gerd Lünenbürgerspielte Alte Musik in historischer Aufführungspraxis ebenso leidenschaftlich wie zeitgenössische Werke und verwendete in seinen Konzertprogrammen gern die oft diametral aufgefassten Musikrichtungen gleichermaßen. Dies ist die gedankliche Brücke zum zweiten Teil des Konzertprogramms.

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Im zweiten Konzertteil soll Georg Philipp Telemanns heitere, fünfsätzige Suite a-moll als „Raumklang" zu Gehör gebracht werden, dass heißt, die ausführenden Musiker werden im Konzertraum verteilt aus unterschiedlichen Richtungen musizieren und sich hierbei langsam bewegen. In den einzelnen Sätzen Ouvertüre, Air, Menuett, Rejouissance und Passepied kann daher eine Klangstruktur bzw. ein Klangnetz entstehen, bei dem sich bewegende (also sich entfernende und annähernde) Einzelstimmen der Musik zu einer für den sitzenden Hörer recht ungewohnten Klangwahrnehmung führen. Die relativ klare Instrumentierung Telemanns erleichter hierbei das Verfolgen der einzelnen Stimmen.
Durchbrochen werden sollen die fünf Telemann-Sätze durch vier Teile des Streichquartetts „Four" von John Cage (1912-1992), der dieses Werk in mehrere musikalische Sektionen unterteilte, deren einzelne Notenpassagen jedoch für alle beteiligten Instrumente austauschbar sind und auf diese Weise stets neue Klangkombinationen bilden, die lediglich durch ein festes Zeitmaß reguliert sind. Der Modernität der Musik von John Cage steht die Benutzung historischer Streichinstrumente nicht entgegen, denn der Komponist hat einige seiner Werke nachgerade auch für diese Instrumente autorisiert, um deren besondere Klangfarben mit seiner Musik zu Gehör zu bringen.

Die Auflösung sowohl der festen, fünfsätzigen Abfolge der Telemann-Suite wie auch des ohnehin lose und kombinierbar gedachten Streichquartetts von Cage wird hierbei relativ organisch sein: Eine Telemann-Suite ist dem Hörer in ihrer stilistischen Struktur so bekannt, dass er verschiedene Sätze unterschiedlichen Charakters und Tempos leicht wiedererkennt und einzuordnen weiß, Cage hingegen spielt ja gerade mit der Flexibilität seiner Musik.

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Neben der barocken und zeitgenössischen Musik soll das geschriebene und gesprochene Wort als wichtige Kunstform mit Texten aus den Tagebüchern Harry Graf Kesslers (1868-1937) als eine Art Freie Lesung eingebunden und mit der Musik verzahnt werden. Dieser wohl bedeutendste und feinsinnigste „Kulturdiplomat" der Weimarer Republik hat in seinem umfangreichen Tagebuch zahlreiche Reflexionen zu Themen wie Kunst, Liebe und Psyche niedergeschrieben und damit sowohl kluge und sensible äußere Beobachtungen festgehalten als auch Befindlichkeiten des tiefsten Inneren in erstaunlich analytischer Form betrachtet.

Diese zum Teil sehr intimen Tagebucheinträge sollen insorgfältig ausgewählten Passagen ergänzend um die Musik herum angeordnet werden. So wird der erste Programmteil mitzwei Textlesungen umrahmt, also das Bach-Konzert innerhalb zweier Textteile als Block gespielt werden. Im zweiten Teilsoll, ebenso wie bei der Musik, das Wort zwischen und während der Musik durchwoben gesprochen werden, beispielsweise in kurzen Pausen der Musik oder in besonders leisen Passagen bei Cage bzw. bei da capo-Wiederholungen in den einzelnen Telemann-Sätzen.

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