Presse

Intensive Versunkenheit

(veröffentlich am 30.03.2012 im OÖN)

In der Linzer Martinskirche widmete sich das Ensemble ColCanto - Christiane Gagelmann (Barockvioline), Ophira Zakai (Theorbe) und Bernhard Prammer (Orgel) - in der Musica-Sacra-Reihe jenen fünf Rosenkranz-Sonaten von Heinrich Ignaz Franz Biber, die ursprünglich als meditative Musik zum schmerzensreichen Rosenkranz konzipiert wurden und somit ideal in die vorösterliche Zeit passen.

Das Besondere an diesen Stücken ist auch die Art der Verwendung der von Biber selbst meisterhaft gespielten Violine. Für jede Sonate verwendet er eine andere, bei der einzelne Saiten tiefer oder höher gestimmt werden. Diese Technik ermöglicht das Spiel von Akkorden und speziellen Passagen. Derart umgestimmte Geigen sind nicht einfach zu handhaben, und so war die Virtuosität von Christiane Gagelmann bewundernswert. Sie überzeugte mit Musikalität, emotionaler Ausdrucksstärke und einer spirituellen Tiefe, die ihre Partner im Continuo mittrugen.

Zwischen den Sonaten las Chris Pichler sehr treffend und packend aus Thomas Bernhards zweitem Lyrikband "In hora mortis" - sehr intime und doch expressiv nach außen schreiende Stoßgebete im Angesicht des Todes. (wruss)

Passion: Ensemble ColCanto, Chris Pichler, Martinskirche Linz (28. 3.)

Virtuose und meditaive Klänge

(veröffentlicht am 04.04.2012 im Gandersheimer Kreisblatt - Dr. Gerhard Armanski)

II. I. Franz von Bibers Rosenkranzsonaten in der Stiftskirche
Passend zur Passionszeit erklangen in der leider nur etwa halb gefüllten Stiftskirche "Die fünf schmerzensreichen Mysterien", die Sonaten VI bis X aus einem Zyklus von 15 Sonaten für Violine und Basso Continuo. Es war ein musikalischer Leckerbissen, denn die Werke des vorwiegend in Salzburg tätigen Komponisten (1644-1704) werden nur selten gespielt - nun von dem "Ensemble ColCanto" nach Stationen in Bremen und Heidelberg in Bad Gandersheim. Biber war ein seinerzeit im Barock hoch gefeierter Tondichter und Geigenvirtuose. Zu seinen Eigenheiten gehört die Skordatur, d.h. das Umstimmen der Saiten, um neue und exquisite Klangeffekte zu erzielen. Deshalb wechselte die Barockviolinistin Christiane Gagelmann mindestens einmal das Instrument. In der Tat kommt diese Technik sowie die obwaltende stilistische Vielfalt dem changierenden Modus der Stücke wohl zugute. Dieser entsprach den von Thomas Ehgart vorgetragenen Gedichten aus dem Frühwerk des österreichischen Schriftstellers Thomas Bernhard (1931-1989). Sein Gedichtzyklus "In hora mortis" (=In der Stunde des Todes) widerspiegelt die eigene Nahtoderfahrung des Autors. Dramatik des Sterbens "Mitten im Leben sind wir vom Tod umgeben", heißt es in einem Kirchenlied. Bernhards Gedichte beginnen mit der zornigen Klage über das Verglühen seiner Tage. "Mein Wort verbrennt in Traurigkeit." Alles relativiert sich angesichts des Sterbens. Das Ich und die Zeit sind ausgelöscht. Vor Gott, mit dem er monologisch redet, bleibt "meine Stimme in Bitternis". Das Leben vergeht, und der Tod kommt. Außen und Innen sind zerschnitten. Aber der so Bedrohte ergibt und versöhnt sich schließlich, findet gar zum Lobpreis Gottes. Analog kreist die Musik um den Kreuzweg Christi - Todesangst, Geißelung und Dornenkrönung, Gang nach Golgatha und Kreuzigung. Aber sie tut dies nicht illustrativ, sondern in Meditation, zu der sie einlädt. So spricht sie süß-melancholisch, besinnlich oder dramatisch, klagend, tänzerisch oder jubelnd gar. Denn das Erlöschen bedeutet auch den Eintritt in eine neue Welt. Auch die schmerzensreichen Mysterien des Rosenkranzes bergen ihre Geheimnisse. Mit einer Überkreuzung der Saitenstimmung läßt Biber die übliche Befolgung des Klangnotats entfallen: Die Auferstehung Jesu dreht die Welt um, nichts ist mehr, wie es vorher war. Die InterpretInnen wurden dem anspruchsvollen Programm voll gerecht. Die Barockvioline wartete mit atemberaubender Virtuosität auf, glitt vom Weichen ins Harte, vom Lamento in den Triumph, nicht selten geradezu umschlagend und umwerfend. OphiraZakai aus Tel Aviv an der Theorbe (=Baßlaute) und Bernhard Prammer an der Orgel grundierten stimmig das musikalische Geschehen. Alle sind hervorragend ausgebildet und vielfach konzertant tätig. Ihr Spiel bezeugte es, und das Publikum konnte mit dieser tönenden Besinnung auf das Menschen- und Gottesgeschick mehr als zufrieden sein.